Entwicklung der Suonen

In bestimmten Alpentälern im Wallis und Südtirol sind steile Talflanken stark der Sonne ausgesetzt. Zudem fällt auf Grund der geografischen Lage inmitten hoher Berge zu wenig Regen. Um die abschüssigen Wiesen zu bewässern, schuf man an den Hängen künstliche Kanäle, die das Wasser aus entfernten Gebirgsbächen holten. Diese Wasserfuhren heißen im Unterwallis Bisses, im deutschsprachigen Teil des Wallis Suonen, und in Südtirol Waale. Sie prägen das Landschaftsbild im Wallis und z.B. im Vinschgau in Südtirol.

Geschichte

Erste Hinweise auf die Suonen finden sich in Urkunden aus dem 13. Jahrhundert. Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass die Walliser Bewässerungstechnik wesentlich älter ist. Und auch in vergleichbaren Bergregionen, wie in Südtirol, auf Madeira, in Peru, Marokko und in vielen anderen Gegenden, entstanden künstliche Wasserfuhren, die das kostbare Nass dorthin transportierten, wo Ackerbau und Viehzucht getrieben wurden. Ohne die künstlichen Wasserleitungen wäre in diesen heißen und trockenen Regionen an vielen Stellen keine Landwirtschaft möglich gewesen.

Seit dem 15. Jahrhundert haben die Suonen an Bedeutung verloren. Vermutlich waren klimatische Veränderungen dafür verantwortlich, und auch die Einwohnerzahl war durch Pestepidemien drastisch verringert. Viele Suonen wurden stillgelegt. Erst in den vergangenen zwei Jahrhunderten erlebte die Bewässerungstechnik einen neuen Aufschwung. Rindfleisch aus dem Wallis war gefragt, und so wandelte man viele Äcker in Weideflächen um. Weil Wiesen viel mehr Wasser brauchen als Getreidefelder, musste wieder viel bewässert werden, damit mehr Viehfutter erzeugt werden konnte. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Obst- und Gemüsekulturen und Reben hinzu kamen, stieg der Bedarf an Wasser aus den Bisses nochmals an.

Der Bau der Suonen

Die einfachste Form einer Wasserfuhre war, eine Rinne in den Boden zu graben und bei Bedarf durch Stützdämme aus Ästen und Steinen zu verstärken. In unstabilem Gelände verstärkte man das Bett mit Steinplatten. Wenn sich kein Bett graben ließ, nahmen die Suonenbauer ausgehöhlte Arvenholzstämme, die ineinander geschoben wurden, oder sie zimmerten aus Brettern U-förmige Kännel. Wenn sich keine Holzleitung legen ließ, schlug man das Kanalbett direkt aus dem Fels heraus.

Angesichts der kilometerlangen Wasserleitungen fragt man sich, wie die Baumeister vor fast tausend Jahren den richtigen Neigungswinkel heraus fanden. Wenn man das Gefälle zu groß ist, würde das Wasser die Erde im Kanal fort schwemmen. Bei zu geringer Fliessgeschwindigkeit würde mitgeführter Schlamm das Kanalbett verstopfen. Um zu ermitteln, wie stark das Gefälle sein musste, nahm man ein Brett, liess eine Kugel darüber rollen und schätzte die jeweils nötige Fließgeschwindigkeit.

Holzrechen im Kanalbett sollten Gras und Äste zurück halten. An kritischen Passagen baute man Wasserräder ein. Sie bewegten einen Hammer, der auf einen harten Untergrund schlug. Wenn der Abstand zwischen zwei Schlägen zu lang wurde, musste der Wasserhüter nach der Ursache suchen und sie beseitigen oder Hilfe holen - notfalls auch mitten in der Nacht.

Lebensgefährliche Arbeit

Bei unwegsamem Gelände war die menschliche Erfindungsgabe gefordert. Wenn es nötig war, verankerten die Suonenbauer ausgehöhlte Arvenholzstämme mit Holzträgern in den Felswänden. Wenn die Wand zu steil war, ließ man von einer höheren Stelle aus ein Brett an Hanfseilen herab auf die gewünschte Höhe. Auf diesem Gerüst standen die Arbeiter, oft wohl mit weichen Knien, und meißelten über dem Abgrund Toggenlöcher. In diesen Löchern montierten sie hölzerne Träger, die aus gebogenen Baumstämmen hergestellt wurden. Auf die Träger legten sie dann die Kännel. Ganglatten für den Wasserhüter wurden nur mit Weidenruten befestigt, Eisen wurde erst ab dem 19. Jahrhundert verwendet.

Bei riskanten Arbeiten war auch der Pfarrer dabei. Und Häftlinge, die an diesen gefährlichen Arbeiten teilnahmen, wurden nach vollbrachter Arbeit begnadigt.

Gemeinschaftswerk und Wasserrechte

Für Bau und Pflege waren fast immer Gemeinschaften zuständig. Ihre Mitglieder unterstanden einem Suonenvogt, der sie zur Fronarbeit aufrief. Er verwaltete die Tesseln, das sind Holzstückchen, auf denen die jeweilige Zahl der Wasserrechte und der geleisteten Arbeitstage eingeschnitten war. Wem wie viel Wasser zustand und wann es genutzt werden musste, wurde in einem Plan genau festgelegt.

Wenn es früher im Wallis ums Wasser ging, hörte die Freundschaft auf. Wer wie viel Wasser aus den Suonen leiten durfte, lieferte seit jeher Anlass zu Streit. Manchmal brachen deswegen zwischen den Dörfern Feindschaften aus.

Wenn man das Wasserrecht nicht zum festgesetzten Zeitpunkt in Anspruch nahm, ging es verloren. Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert: Wenn es im Wallis einmal regnet, kann man beobachten, dass die Weinberge, Obstgärten und Gemüsefelder über Sprinkleranlagen reichlich mit Wasser versorgt werden.

Tourismus als Retter

Immer häufiger verwendete man Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts für den Bau der Leitungen Zement und Metall und verringerte so die Unterhaltskosten. - Viele der alten Kanäle wurden modernisiert. Es wurden Tunnels in die Felsen gesprengt, massive Eisenstangen als Träger für blecherne Kännel oder Kunststoffrohre eingesetzt, und mit Drahtseilen befestigt. Die offen dahin plätschernden Suonen drohten aus dem Landschaftsbild zu verschwinden.

Wie stark die Suonen den Einwohnern ans Herz gewachsen sind, zeigen aber die Bemühungen, ausgewählte Bisses für die Nachwelt zu erhalten. Im Baltschiedertal übernahmen z.B. Bürger und der Schweizer Alpenclub die Restauration und Pflege des Niwärch. In Anzère im Unterwallis und in Schluderns in Südtirol richtete man Suonenmuseen ein. Und wenn schadhafte Stellen auszubessern sind, trifft man häufig Angehörige des Zivilschutzes an.

Dass viele Waale und Suonen nun wiederhergestellt werden, hat also nicht nur ökologische Gründe. Auch wenn die künstlichen Wasserleitungen längst nicht mehr im gleichen Umfang wie früher verwendet werden, gehören sie zum alpinen Erbe. Auch die Tourismusämter nutzen die uralten Wasserfuhren, indem sie entlang der Suonen Wanderwege markieren.


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